Freitag, 19. Juni 2015

»«. Schriftsteller vs. Leser


Wie angekündigt ist hier mein Beitrag zum Thema »Schriftsteller vs. Leser«. Hier erstmal eine kurze Erläuterung, was ich damit meine: Vor noch knapp zwei Jahren habe ich nur für mich selbst geschrieben bzw. höchstens für eine kleine Gruppe von Leuten, die man an einer Hand abzählen könnte. Damals habe ich natürlich schon darauf geachtet, was meinen Lesern gefallen könnte und was unter Umständen eher nicht, im Groben und Ganzen habe ich aber immer das geschrieben, was ich persönlich schreiben wollte; was mir gerade so durch den Kopf gegangen ist.

Seit ich aber den Schritt zur Veröffentlichung gewagt habe, musste ich mich mehr und mehr mit den Gedanken an meine Leser auseinandersetzen. Ich schreibe nicht mehr nur für mich. Ist das also ein Problem? Ich denke nicht, trotzdem gibt es ein paar Aspekte, auf die ich mehr achtgegeben habe und die mich beschäftigt haben. Jene möchte ich euch heute vorstellen. Zuvor sei jedoch gesagt, dass alles nur meine Meinung ist und auf meine persönlichen Erfahrungen beruhen. Es muss also nicht richtig oder mit eurem Weg identisch sein. (:

1. Länge des Romans

Früher habe ich einfach nur drauf losgeschrieben und mir keine Gedanken über die Länge gemacht bzw. ich fand es, glaub ich, toll, ein Buch so lang wie möglich zu schreiben, was letztendlich dazu geführt hat, dass mein Schreibstil sehr detailreich geworden ist. Ein krasses Beispiel wäre da mein Roman »Die Geheimniswahrerin«, den ich mit siebzehn Jahren geschrieben habe. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich gedacht hatte, wirklich keine Zeitsprünge machen zu dürfen und so habe ich sogar einen 20-Stunden andauernden Flug beschrieben. Das Buch ist dementsprechend lang geworden und war trotzdem noch nicht beendet. 

Nach und nach habe ich aber gemerkt, dass ich dem Leser damit keinen Gefallen tun. Wen interessiert schon, wie sich mein Protagonist jeden Tag die Zähne putzt? Genau. Niemanden. ;P Deshalb habe ich versucht, mir beizubringen, ökonomisch zu schreiben und zu einem großen Teil nur das Wichtigste zu schreiben. Klar, hier und da schmücke ich die Szenen noch aus, um dem Leser ein besseres Gefühl für Charaktere und Umgebung zu geben, aber dann hat es auch eine Aufgabe. 

Frage: Achtet ihr auch auf die Länge? Oder ist sie euch egal? Ist es wichtig für euer Projekt, dass das Buch lang ist? Warum? 

    2. Figurenkonstellation/Figurenmasse

Ich muss sagen, über diesen Punkt habe ich mir erst nach »Pharos« Gedanken gemacht, weshalb es dort am Anfang wahrscheinlich zu viele Personen gibt und der Leser unter Umständen Schwierigkeiten hat, sie zunächst auseinanderzuhalten. In Retrospektive würde ich das also anders machen und den Leser erst nur mit den wichtigsten Personen bekannt machen, damit sie zumindest einen Anker haben und sich der Rest von diesem Fokalisierungspunkt ergibt. Schließlich möchte man (oder ich) den Leser nicht gleich zu Anfang mit herumgeworfenen Namen überfordern. 

Frage: Seht ihr das anders? Muss der Leser damit klar kommen, wenn gleich am Anfang vier bis fünf Personen eingeführt werden oder sogar mehr?

   3. Namen

In diesen Punkt lasse ich mir nicht reinreden :P Selbst wenn ich denke, dass dem Leser ein Name nicht gefallen könnte, nehme ich darauf keine Rücksicht, denn letztendlich habe ich die Figur kreiert und in meinen Augen muss der Name passen. Ich muss allerdings auch nicht darauf achten, einen Namen zu nehmen, der sich leicht lesen lässt, da mir eigentlich automatisch nur solche gefallen. 

Frage: Wie sieht das bei euch aus? Achtet ihr auf leichte Lesbarkeit?

4. Tiefere Einsicht in Charaktere

Wenn man nur für sich in seinem stillen Kämmerlein schreibt, dann kennt man die Beweggründe und Motivationen seiner Charaktere ganz genau. Man braucht sie als quasi nicht alle aufzuschreiben. Theoretisch. Doch plötzlich ist da dieser nervige Leser und der braucht Erklärungen. (:P) Nehmt ihr darauf Rücksicht und erweitert die Gedankengänge des/der Protagonisten oder sagt ihr euch, dass man sich das als Leser auch herleiten kann? Ich selbst muss gestehen, dass ich darauf durchaus achte, denn ich möchte die Handlung so plausibel wie möglich gestalten und um das rüberzubringen und dem Leser begreiflich zu machen, braucht es meiner Meinung nach durchaus Erklärungen. 

   5. Anfang eines Romans

Dieser Punkt ist etwas schwammig, da ich prinzipiell nicht weiß, was das "Richtige" wäre. Eine langsame Einführung ins Geschehen oder doch mehr Action? Trotzdem mache ich mir Gedanken darüber, wie welcher Weg beim Leser ankommen würde und ob er sich im Buch zurechtfindet, wenn ich sofort mit der Tür ins Haus falle. Schwierige Frage, auf die es vermutlich nicht die richtige Antwort gibt. 

FAZIT

So, wie ihr seht, seitdem ich veröffentliche, mache ich mir viel mehr Gedanken darüber, versuche aber, beide Seiten - mein Schriftsteller-Ich und mein Bedürfnis, den Leser zufriedenzustellen - miteinander in Verbindung zu bringen, sodass es keine unglückliche Seite gibt. Kompromisse sind hier angebracht, denn es würde mich nicht glücklich machen, nur für den Leser zu schreiben. Ich müsste zu viele Aspekte im Keller vergammeln lassen. Andersherum wäre es aber auch unsinnig, denn ich möchte meine Ideen teilen und ich möchte auch, dass sie gefallen oder zum Denken anregen. 

Wie seht ihr das Ganze? Muss man vielleicht gar nicht auf den Leser achten? Oder sein Schreiben nur auf ihn ausrichten? Habt ihr euch nie Gedanken darüber gemacht und schreibt einfach drauf los und trotzdem passt es? Bin gespannt auf eure Meinungen (:

LAURA.

Kommentare:

  1. Das sind doch mal interessante Fragen - und Antworten!
    Da kann ich einfach nicht anders als meinen Senf dazuzugeben ;-)

    1. Zur Länge des Romans:
    Mir geht es da ein wenig wie Dir. Meinen ersten, wirklich fertigen Roman habe ich vor 15 Jahren geschrieben und zu dem Zeitpunkt war ich gerade Mutter geworden, hatte eigentlich keinen Plan was ich mache und habe nur verschiedene Szenen, die mir im Kopf herumspukten, aneinandergefügt. Am Ende war das plötzlich ein Fantasyroman, der von der Länge her "Herr der Ringe" um einiges schlägt. Mir ging es da wirklich wie Dir und ich hatte einen Haufen Zeug darin, das niemanden interessiert hat. Im Rahmen eines NaNos habe ich das überarbeitet. Jetzt ist das Buch nur noch so dick wie der "HdR" und eigentlich immer noch zu lang (jedenfalls wenn man den Standards glauben darf). Ich werde ihn auch nochmal überarbeiten, aber bewußt kürzen? Nein, sorry, lieber Leser, aber entweder möchtest Du ausführlich von meinem fliegenden Drachen lesen oder nicht. ;-)

    2. Figurenmasse
    MIt dem Thema habe ich mich noch nie bewußt befasst!
    In Einzelbänden gab es immer mal Personen, die keinen direkten Sinn hatte (außer dem, dass ein Chara sich mit ihnen unterhalten konnte, um bestimme Dinge festzustellen oder so). Die werden dann namentlich genannt, weil ich den Leser nicht völlig verwirren möchte, aber die fallen, sobald sie ihre Nützlichkeit verloren haben, einfach weg. Ich glaube auch nicht, dass das den Leser stört.
    In meiner Geschichtenreihe dagegen habe ich gleich zu Beginn in einem Gespräch die Hauptdarsteller der Folgegeschichten erwähnt oder vorgestellt. Die werden dann zwar nicht so explizit beschrieben wie der jeweilige Hauptdarsteller, aber der Leser kennt dann ihre Namen schon mal. (Als Leser von Reihen mag ich so etwas übrigens sehr gerne, weil es neugierig auf die nächste Geschichte macht)

    3. Namen
    Da ignorier ich den Leser komplett.
    Wie andere Autoren auch mich als Leser ignorieren ;-)

    to be continued

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    1. Hey, lieben Dank für deine interessante und anregende Antwort! :)

      Zu 1. Du hast natürlich recht. Man muss irgendwo das Mittelmaß finden, denke ich. Zum einen Teil so, wie man es sich als Autor vorstellt, zum anderen aber nicht zuu ausschweifend werden und wirklich jedes Detail erwähnen.

      Zu 2. Schön, dass ich dich jetzt dazu anregen konnte ;) Ich mag es auch gerne, wenn ich Reihen lese und später bemerke, dass die wichtigen Personen in Bd. 3 schon in Bd. 1 mal so nebenbei erwähnt worden sind. Ist halt auch immer die Frage, was das Goldene Maß ist, wenn man sich denn danach richten möchte ^^

      Zu 3. Find ich gut! :P

      To Be Continued as Well.

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  2. Mein Kommentar war zu lang. Wie überraschend! *lol*

    4. Tiefere Einsichten
    Ich liebe, liebe, liebe es, tiefere Einsichten in Charas zu lesen! Wenn ich das nicht wollte, würde ich wohl nur noch TV gucken. So aber ergeht es mir aber oft so, dass ich im TV etwas sehe und denke "Dazu hätte ich jetzt gerne die Geschichte gelesen! Da reichen mir die Bilder nicht." Ich glaube, das geht vielen Leute so - und da bekommt Fanfiction plötzlich ihre Berechtigung!
    (Allerdings ist es trotz der Tiefe wichtig den Chara nicht zum schwafelnden Weichei mutieren zu lassen. Eine gewisse Vorsicht ist also gefragt)

    5. Der Anfang
    Diese Frage trifft mich gerade im Kern. Ich überarbeite gerade eine Geschichte, die ich 2008 geschrieben habe. Mein Plan damals war eine Kurzgeschichte zu schreiben, ca. 80 Seiten. Sobald ich die Story beendet hatte, gefiel sie mir nur noch bedingt. Handlungsstränge fehlten mir, andere emfpand ich als komplett daneben und so habe ich mich dieses Jahr eher zögernd an die Überarbeitung gewagt. Das Einzige, was mir an der Geschichte wirklich gefiel, war der Anfang. Ich überarbeitete also, ließ den Anfang wie er war und kämpfte mich bis zu einer besonders kritischen, ungeliebten Stelle durch - um jetzt zu merken, dass der Anfang eines der Problemfelder ist. Du musst wissen, ich schwafel gerne (hättest Du bei der Länge dieses Kommentars bestimmt nicht gedacht, was?) und so habe ich den Anfang auch sehr ruhig begonnen, mit viel Erklärungen, viel Gedanken der Charas. Ich mag den Anfang, aber ich glaube die meisten Leser würden nicht über drei Absätze kommen. Darum habe ich die Gedanken und Erklärungen jetzt erstmal gestrichen und schmeiß den Leser direkt ins Geschehen. Ich hoffe, ich finde in späteren Kapiteln noch Zeit für Erklärungen ;-)

    Ein Thema fehlt übrigens in Deiner Fragestunde ;-)
    Wie sieht es denn mit anderen Erwartungen der Leser aus? Ich habe Deine Bücher jetzt nicht gelesen, aber es wird doch bestimmt Leser geben, die Dir sagen, dass sie erwarten, dass Charakter xy im nächsten Band folgendes tut oder erlebt. Es mag vielleicht aus Lesersicht nur in diese eine Richtung führen oder der Leser wünsch sich die Entwicklung nur, aber wie gehst Du mit soetwas um?
    In meinen Fanfiction-Autorin-Zeiten hatte ich einige erfolgreiche Geschichten mit vielen begeisterten Lesern. Irgendwann begann dann in einem Forum mal die Diskussion, ob ich nicht mehr "Sexszenen" in meine Geschichten einbauen könnte. Das hat mich so genervt, dass ich das tatsächlich einmal gemacht habe: Ich habe eine Geschichte geschrieben, in der es von Sex nur so wimmelte! Ich fands gruselig und sage noch heute, dass das eine meiner schlechtesten Geschichten ist. Aber die Leserzahl war begeistert. Ich bekam fast doppelt so viele Kommentare wie vorher und hatte sogar fast 3 x soviele Leser (und das bei einem festen Leserstamm von vorher 500 Leuten!)
    Damals mußte ich lernen, dass ich lieber auf Leser verzichtete als mich so zu verbiegen. Wie sieht das bei Dir aus?
    (ist ja auch für einen Verlag eine interessante Frage...)

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    1. Zu 4. Mir geht es da wie dir. Ich möchte ja, dass der Leser einen tieferen Einblick in die Figur bekommt, sonst brauch ich überhaupt nicht in der Ich-Perspektive zu schreiben. Aber wie du schon sagst, Weicheier will ich dann doch net ... :P

      Zu 5. Sehr interessant zu lesen - da hast du den Konflikt ja quasi ersterhand erlebt. Dein Autoren-Ich war ja sozusagen zufrieden mit dem Anfang, vermutlich weil du weißt, wohin alles führt, aber sobald du dich ins Leser-Ich versetzt hast, musstest du was ändern ... (:

      Zu 6. Stimmt, die Frage hätte ich durchaus noch miteinbeziehen müssen. Das kann ich ja dank dir jetzt nachholen (: aber erstmal zu deinen Erfahrungen: das hört sich ja echt extrem an. wow. Und wie viel es dann letztendlich ausgemacht hat, was deine Leserzahl angeht. Aber ich bin froh, dass du dich dann mehr für dein Autoren-Ich entschieden hast :)
      In der Tat, ich habe schon ein paar Leserunden veranstaltet und verfolge immer mit großer Spannung die Kommentare. Ich freu mich dann total, wenn eine Finte aufgegangen ist, grübel aber auch darüber nach, wenn sich Gedanken in eine total andere Richtung bewegen, als beabsichtigt. Immer dann, wenn sich die Leser explizit wünschen, dass dies und jenes passiert, werde ich unsicher ... glücklicherweise habe ich aber einen genauen Plan und von dem lasse ich mich nicht abbringen, da Die Unwandelbaren Reihe einfach ein Herzensprojekt ist und ich sie entweder so schreibe, wie ich sie mir vorstelle oder gar nicht :) Kleine Kompromisse gehe ich gerne ein (was die Länge betrifft oder einzelne, unwichtige Szenen), aber ich ändere nichts am ganzen Konzept ^^

      Lieben Dank nochmal :D

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  3. Hi, ich schreibe jetzt nur zu dem, zu dem ich eine eindeutige Meinung habe:

    Zu Charaktereinführung: 5-8 Charaktere muss der Leser oder die Leserin zu Beginn verkraften. Ich mag es auch nicht, wenn man erst nur auf eine Figur fixiert ist. Sie müssen dann nur deutlich unterscheidbar sein, in der Erzählung nochmal kurz eingeordnet werden. Dafür reicht eigentlich ein Nebensatz. Nur bei Kinderbüchern wäre das etwas Anderes. Bei Pharos war das völlig in Ordnung.

    Zu Namen: Tja, ich finde, man muss schon auf Lesbarkeit achten. In einem Roman, der in der echten Welt spielt, ist das kein Problem. Aber viele Fantasy-Autoren (ich früher auch) toben sich gerne mit zahlreichen Silben und Apostrophen aus. Tianph'rhallx'nechtzion ist dann doch nicht mehr so toll lesbar. Gilt übrigens auch für Orte.

    Insgesamt: Wenn man ein Buch veröffentlichen will muss man natürlich darauf achten, was lesbar ist. Wen will man überhaupt ansprechen? Wenn man für 12-13 Jährige schreibt, sollte man zum Beispiel nicht zu viele Charaktere direkt einflechten, weniger Fachworte nutzen, Hinweise auf Weltliteratur vermeiden. Wenn man für junge Erwachsene schreibt, verlangt das einen völlig anderen Stil. Aber ansonsten ist einfach vieles Geschmacksache. Zum Beispiel, ob der Anfang eher langsam aufgebaut wird oder man direkt reingeworfen wird. Daher: Auf Lesbarkeit und das Publikum achten, aber sich nicht verrückt machen. Das Meiste ist sowieso Geschmackssache.

    LG

    Naoki

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    1. Huhu :)

      Ja, man muss definitiv alles dem anpassen, was man schreibt. Bzw. dann ist man ja gerade wieder in diesem Konflikt, dass man sich seinem Lesepublikum widmen muss.

      Haha, der Name ist echt schlimm xD Auch in hundert Jahren würde ich nicht wissen, wie man den aussprechen sollte. Gutes Beispiel!

      Und zum Thema Fan-Service hast du recht. Solange es nicht "richtige" Fehler sind, die man verbessert, sollte man das schreiben, was für einen richtig erscheint :)

      Danke für deinen Kommentar!

      Liebste Grüße

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    2. War allerdings kein echtes beispiel, aber ich habe solche Namen durchaus schon gelesen.

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  4. Ach ja: "Fan-Service" finde ich doof. Wenn jemand auf unlogische Dinge aufmerksam macht oder auf Erzähllücken ist das etwas anderes. Aber dreamertalks hat recht: Wenn man die Geschichte verbiegt, wird es nur schlechter und die Leute, die man wirklich ansprechen will, geben auf. In Fanfictions ist es noch - je nachdem - OK, aber in richtigen Romanen ist es auch unprofessionell.

    Naoki

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